Qualitative Inhaltsanalyse 1 von 2 Dr. Petra Scheibler

Die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring (2010) ist ein Auswertungsverfahren für qualitative Daten, das theorie- und regelgeleitete sowie methodisch kontrollierte Auswertungen ermöglicht.

 
1. Einführung

Zur Auswertung qualitativer Daten liegen trotz einer Vielzahl qualitativ angelegter Studien bislang nur wenige Verfahren vor, die den wissenschaftlichen Anforderungen im Hinblick auf Transparenz, theoretischem Bezug und wissenschaftlichen Gütekriterien genügen. Häufig wird an qualitativen Studien kritisiert, dass die Ergebnisse nicht nachvollziehbar und überprüfbar seien, da sie einem hohen Grad an subjektiver Interpretation unterliegen. Dieser vermeintlich subjektive Interpretationsraum dient darüber hinaus oft als Argument, qualitativen Daten – im Vergleich zu quantitativen Daten – nur geringen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn zuzusprechen.

Einen Ausweg bieten mehrere Verfahren wie die Grounded-Theory-Methodology und die Qualitative Inhaltsanalyse. Die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring (2010) eröffnet einen Weg zu theorie- und regelgeleiteter sowie methodisch kontrollierter Auswertung qualitativer Daten. Ein zentrales Anwendungsgebiet besteht in der Hypothesenfindung und Theoriebildung. Die qualitative Inhaltsanalyse zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie nicht nur die Aufdeckung gegenstandsbezogener Einzelfaktoren, sondern auch die Konstruktion der möglichen Zusammenhänge zwischen mehreren Faktoren ermöglicht.

Ein besonderer Vorteil dieses Verfahrens liegt in der Chance, sowohl qualitative als auch quantitative Analyseschritte miteinander zu verbinden. Darüber hinaus ist sie an einschlägige quantitative Gütekriterien anschlussfähig, die in der sozialwissenschaftlichen und psychologischen Forschung lange Zeit nicht ausreichend in die Praxis umgesetzt wurden.

2. Voraussetzungen

Die Grundlage der qualitativen Inhaltsanalyse bildet Textmaterial, das z. B. anhand von qualitativen Interviews erhoben wurde. Auch andere, bereits vorliegende Textquellen können über dieses Auswertungsverfahren inhaltlich erschlossen und systematisch analysiert werden. Als Voraussetzung gilt, dass qualitative Daten in verschriftlichter Form zur Verfügung stehen.

3. Das inhaltsanalytische Ablaufmodell

Die qualitative Inhaltsanalyse folgt einem systematischen Ablaufmodell, bei dem zwischen spezifischen Techniken unterschieden wird. Es handelt sich dabei um die drei Grundformen der zusammenfassenden, explizierenden und strukturierenden Inhaltsanalyse.

3.1 Explizierende Inhaltsanalyse

Das Ziel der explizierenden Inhaltsanalyse besteht darin, zusätzliches Material (hierzu zählen alle Arten von Hintergrundinformationen wie z.B. lexikalische- oder Literaturquellen) an den zu analysierenden Text heranzutragen, um einen höheren Verständnisgrad erreichen zu können. Dies gilt insbesondere für unklare Textstellen. Das Explikationsmaterial soll systematisch und kontrolliert gesammelt und im Forschungsprozess transparent gemacht werden.

3.2 Strukturierende Inhaltsanalyse

Das Ziel der strukturierenden Inhaltsanalyse liegt im Herausfiltern bestimmter Kriterien, die die Gesamtheit des Textmaterials vollständig abbilden sollen. Wurden diese Kriterien zuvor festgelegt, erfolgt dieser Schritt über eine deduktive Vorgehensweise. Neu auftretende Inhalte können dabei zur induktiven Bildung von Kategorien führen. Auf diese Weise kann schrittweise ein Kategoriensystem entwickelt werden, das die zentralen Inhalte des Textmaterials in komprimierter Form abbildet. Dabei kommt es in Abhängigkeit von der Forschungsfrage und der Zielsetzung der Analyse zu einer formalen, inhaltlichen, typisierenden oder skalierenden Vorgehensweise.

3.3 Zusammenfassende Inhaltsanalyse

Bei der zusammenfassenden Inhaltsanalyse wird das Textmaterial so weit reduziert, dass die wesentlichen Inhalte erhalten bleiben und ein überschaubarer Kurztext entsteht. Die Basis für dieses Verfahren bildet die Psychologie der Textverarbeitung. Dabei werden einzelne zusammenfassende, reduktive Prozesse unterschieden. Damit diese Form der Inhaltsanalyse gelingen kann, wurden Verfahrensregeln entwickelt, zu denen die Paraphrasierung, die Generalisierung und verschiedene Formen der Reduktion gehören.

4. Das inhaltsanalytische Kategoriensystem

Das Kernstück der qualitativen Inhaltsanalyse bildet das Kategoriensystem. Hierfür ist eine genaue Definition jeder einzelnen Kategorie und Unterkategorie erforderlich. Jede Kategorie muss exakt in ihrer Ausprägung beschrieben werden, damit eine spätere Zuordnung der Textbestandteile zu den ihnen entsprechenden Kategorien möglich ist. Um dies zu erleichtern, werden sog. „Ankerbeispiele“ (d.h. Zitate) aus dem Textmaterial ausgesucht. Diese Beispiele sollen in prägnanter Weise verdeutlichen, welche thematisch abgrenzbaren Textinhalte einer Kategorie zugeordnet werden müssen. Eine weitere Voraussetzung zur Entwicklung eines „guten“ Kategoriensystems ist die sog. Trennschärfe.

5. Die Bedeutung der Trennschärfe für die Kategorien

Kategorien sollen eindeutige, abgrenzbare Räume für Textinhalte darstellen. Dabei ist sehr auf die Trennschärfe zwischen den Kategorien zu achten. Die Einhaltung der Trennschärfe ermöglicht, dass ein Textinhalt nur einer einzigen Kategorie zugeordnet werden kann. Wenn Unklarheit hinsichtlich der Zuordnung einer Textstelle zu einer Kategorie besteht oder die Textstelle zwei oder mehreren Kategorien zugeordnet werden kann, dann mangelt es an der Trennschärfe zwischen den Kategorien. Erfolgt in diesem Fall keine Korrektur, um mit einer entsprechenden Präzisierung eine ausreichende Trennschärfe zu gewährleisten, wird es im anschließenden Kodierungsprozess zu Mehrfachzuordnungen von Textstellen kommen. Dies führt zu Konsequenzen bei der Interpretation der Ergebnisse, insbesondere wenn nachfolgend eine quantitative Auswertung erfolgen soll. Diese Konsequenzen sind bereits vor Erstellung des Kategoriensystems zu diskutieren!

6. Die Kodierregeln

In einem weiteren Schritt werden Kodierregeln definiert. Diese Regeln geben dem Kodierer bzw. der Kodiererin den notwendigen Orientierungsrahmen, der die Zuordnung von Textstellen zu Kategorien erleichtert. Die Kodierregeln sollen besonders bei inhaltlichen Abgrenzungsproblemen thematisch verwandter Kategorien helfen. Hier erhalten die Kodierer Informationen darüber, wann und unter welchen Bedingungen Textstellen einer bestimmten Kategorie zuzuordnen sind und wann einer anderen Kategorie.

7. Bildet das Kategoriensystem die Inhalte der qualitativen Daten vollständig ab?

In einem ersten Probedurchlauf wird überprüft, inwieweit durch die Definitionen der Kategorien sowie mittels der Ankerbeispiele und der Kodierregeln eine eindeutige Zuordnung der Textstellen zu den Kategorien möglich ist. Das Ziel dabei ist, alle inhaltlich unterscheidbaren Textinhalte den Kategorien zuzuordnen. Meist macht dieser Probedurchlauf sichtbar, dass eine Überarbeitung des Kategoriensystems einschließlich seiner Definitionen und Kodierregeln erforderlich ist. In einem abschließenden Schritt wird das Textmaterial erneut den überarbeiteten Kategorien zugeordnet.

8. Vorteile qualitativen Inhaltsanalyse

Die Stärken der qualitativen Inhaltsanalyse liegen in der systematischen und regelgeleiteten Vorgehensweise, die im Idealfall den einschlägigen Gütekriterien der qualitativen Forschung Rechnung trägt. Zudem gewährleistet sie eine hohe Transparenz des Forschungsprozesses. Gemessen an diesen Kriterien, kommt der qualitativen Inhaltsanalyse eine bedeutende Vorreiterrolle in der qualitativen Forschung zu, denn sie knüpft als derzeit einziges qualitatives Verfahren an die einschlägigen Gütekriterien der wissenschaftlichen Forschung an. Dabei stehen die Kriterien der Validität und Reliabilität im Vordergrund: Wird mit der jeweiligen Kategorie inhaltlich das abgebildet, was abgebildet werden soll? Lässt sich das Textmaterial eindeutig zuordnen? Und: Werden bei mehreren Durchgängen durch das Textmaterial anhand des Kategoriensystems gleiche Zuordnungen zu den Kategorien getroffen?

Literaturempfehlungen

Mayring, Ph. (2010 [1983]). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken (11., aktual. u. überarb. Aufl.). Weinheim: Beltz

 

 

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