Qualitative versus quantitative ForschungDr. Petra Scheibler

Jeder Forscher wird zu Beginn des Forschungsprozesses entscheiden müssen, welche Forschungsmethode er zur Realisierung seines Forschungszieles einsetzen will. In diesem Entscheidungsprozess stehen zahlreiche Methoden und Verfahren zur Verfügung, die sich als qualitative oder quantitative Forschungsmethoden charakterisieren lassen. Die Entscheidung für die eine oder andere Richtung geht dabei immer auch mit einer spezifischen methodologischen Zugangsweise zum Forschungsgegenstand einher.

 
1. Qualitative Methoden

Im Bereich der qualitativen Sozialforschung gibt es mittlerweile zahlreiche Erhebungs- und Auswertungsverfahren, z. B. Interviews, qualitative Beobachtungsmethoden, Einzelfallanalysen oder qualitative Inhaltsanalyse. Sie haben sich in unterschiedlichen zeitlichen Kontexten, fachlichen Disziplinen und aufgrund unterschiedlicher Zielsetzungen entwickelt. Entsprechend stellen qualitative Methoden keine homogene Gruppe dar, obwohl sie zahlreiche Gemeinsamkeiten aufweisen. Grundlegend ist für sie alle die im Vergleich zu quantitativen Methoden sehr viel offenere Zugangsweise zum Forschungsgegenstand, die sich selbst im Forschungsprozess noch ändern kann.

Die Ursache liegt in der Auseinandersetzung mit dem Forschungsgegenstand, dem sich der Forscher bzw. die Forscherin absichtsvoll mit großer Offenheit nähern möchte. Durch diese Offenheit und Flexibilität im Forschungsprozess soll der Entdeckung neuer, bislang unbekannter Phänomene oder Sachverhalte Raum geschenkt werden. Dies gilt gleichermaßen für den Einzelfall wie auch für die Erforschung von Gruppenphänomenen.

Im Zentrum des qualitativen Forschungsprozesses steht der Wunsch, die Zielgruppe des Interesses möglichst selbst zu Wort kommen zu lassen, um die subjektive Sichtweise erfassen zu können. Grundlegende Annahme ist hierbei, dass Menschen selbstreflexive Subjekte sind, die als Experten ihrer selbst agieren und auch so verstanden werden sollten.

Das Ziel qualitativer Forschung liegt in der Exploration unbekannter Phänomene und in der Entwicklung neuer Theorien und Modelle. Aus diesem Grund weist die qualitative Forschung starke Tendenzen einer induktiven Vorgehensweise auf. Da diese aber aufgrund bereits vorhandener Annahmen und (Alltags-)Theorien auf Seiten des Forschers nicht vollständig realisierbar ist, spricht man heutzutage von der sog. „analytischen Induktion“. Sie stellt eine Verbindung aus induktions- und deduktionslogischen Schritten dar. Ihre Ausprägung zeigt sich in den meisten hermeneutischen Verfahren, spiegelt sich aber auch in einigen anderen Verfahren wie z. B. der qualitativen Inhaltsanalyse oder der Grounded Theory deutlich wider.

Verfahren wie die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring (2010) ermöglichen die Verbindung qualitativer und quantitativer Analyseschritte und bieten auf diese Weise interessante Wege zur Überbrückung der mittlerweile traditionellen Kluft zwischen beiden methodologischen Zugangsformen.

2. Quantitative Methoden

Idealtypischerweise folgt der quantitative Forschungsprozess einem im Vergleich zur qualitativen Forschung vorab festgelegten Muster. Dazu müssen zu Beginn des Forschungsprozesses bereits Theorien und Modelle über den Gegenstand der Forschung vorliegen. Daran anknüpfend werden deduktiv Hypothesen abgeleitet, die im Forschungsprozess überprüft werden. Hierzu erfolgen eine Operationalisierung und die Bildung von messbaren Indikatoren. Anhand eines Untersuchungsdesigns werden vorab das Verfahren zur Datenerhebung (u. a. Experiment, Versuch), die abhängige bzw. unabhängige Variable sowie die Messoperationen bestimmt. Im Rahmen der anschließenden Datenerhebung werden Messungen an Probanden vorgenommen, um die vorab definierten Indikatoren in ihrem Ausprägungsgrad erfassen zu können.

Die Auswertung der Daten erfolgt über statistische Verfahren und unter Rückgriff auf Kontrollgruppen, um mögliche Störeinflüsse kontrollieren zu können Der Grad des Erkenntnisgewinns wird über Signifikanzprüfungen abgesichert und die Erkenntnisse werden abschließend wieder auf das theoretische Modell bezogen und interpretiert.

3. Überblick über die Unterschiede qualitativer und quantitativer Verfahren

KriteriumQualitative ForschungQuantitative Forschung
ForschungsperspektiveSicht der Betroffenen steht im Mittelpunkt des InteressesSicht aus der Außenperspektive des Forschers
Forschungskontext„Weiche“, realitätsnahe Daten„Harte“, replizierbare Daten
ForschungsprozessDynamischStatisch
TheoriebezugEntdeckung und Entwicklung von Hypothesen und Theorien aus dem MaterialBestätigung von vorab festgelegten Hypothesen
VorgehensweiseInduktiv, SinnverstehenDeduktiv, Messen
ErkenntnisinteresseErforschung von Lebenswelten und InteraktionenErklären kausaler Zusammenhänge
Verallgemeinerbarkeit von Stichproben auf Populationen
Methodez. B. Interview, Gruppen-diskussion, qualitative Inhaltsanalyse, Beobachtungz. B. Versuch, Experiment, Beobachtung

4. Implikationen für die eigene Vorgehensweise

Die Entscheidung für eine bestimmte Forschungsmethode sollte vor dem Hintergrund der jeweiligen Vor- und Nachteile im Vorfeld kritisch abgewogen werden. Grundsätzlich gilt, dass eine Methode immer auch dem Forschungsgegenstand anzupassen ist. Ein weiteres Entscheidungskriterium stellt der Forschungsstand dar: Die Auswahl der Forschungsstrategie und damit auch der Forschungsmethode sollte in jedem Fall den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung berücksichtigen.

Literaturempfehlungen
 

Flick, U., Kardorff, E. v., Keupp, H., Rosensteil, L. v. & Wolff, S. (2011). Handbuch qualitative Sozialforschung. Grundlagen, Konzepte, Methoden und Anwendungen. Weinheim: Beltz.

Glaser, B. G. & Strauss, A. (2010). Grounded Theory, Strategien qualitativer Forschung. 3. Aufl., Bern: Huber.

Wolf, W. (1995). Qualitative versus quantitative Forschung. In E. König & P. Zedler (Hg.), Bilanz qualitativer Forschung. Bd. I: Grundlagen qualitativer Forschung (S. 309–329). Weinheim: Beltz.