Die Methode der Beobachtung Dr. Petra Scheibler

Unter „Beobachtung“ kann sowohl eine Alltagstätigkeit als auch ein bestimmtes methodisches, wissenschaftlich fundiertes Handeln im Rahmen zahlreicher psychosozialer und anderer Kontexte verstanden werden. Um diese Methode erfolgreich einzusetzen, müssen bestimmte Kriterien berücksichtigt werden.

 
1. Einführung

Im Alltag bilden Beobachtungen die notwendige Voraussetzung für die Urteilsbildung und das Handeln. In allen psychosozialen Tätigkeitsfeldern und besonders in der wissenschaftlichen Forschungstätigkeit stellen sie eine wichtige Voraussetzung dar, um etwas zu verstehen, angemessene Handlungsweisen zu entwickeln und zu Erkenntnissen zu gelangen.

Beobachten bedeutet: Aktive und intensive Auseinandersetzung des Beobachtenden mit der Beobachtungssituation und den Interaktionspartnern. Daher sind Beobachtungen nie fertige Abbilder der Wirklichkeit: Sie werden aktiv gestaltet, d. h., jeder Beobachter bestimmt und strukturiert durch individuelles Interesse, Einstellung, emotionale Faktoren, Erfahrungen etc. den spezifischen Beobachtungsinhalt.

2. Wissenschaftliche Beobachtung

Wissenschaftliche Beobachtung erfolgt immer in Anlehnung an einschlägige wissenschaftliche Gütekriterien und ist meist theoriegeleitet, ohne auf subjektive Aspekte zu verzichten. Zum Einsatz können sowohl qualitative als auch quantitative Erhebungs- und Auswertungsmethoden kommen. Beobachtungen können daher sowohl quantitative Daten zur statistischen Hypothesenprüfung produzieren als auch qualitative Daten, bei denen ein interpretativer Zugang zum beobachteten Geschehen im Vordergrund steht. Beide Ansätze grenzen sich von Alltagsbeobachtungen darin ab, dass dem typischen Charakter der Subjektivität und des Anekdotischen durch Standardisierung, intersubjektive Überprüfbarkeit und Dokumentation entgegengewirkt wird. Über Beobachtungen kann dabei nur in sprachlicher (d. h. in übersetzter) Form berichtet werden. Entsprechend sind bei der Erstellung von Beobachtungsberichten die vielfältigen Sprach- und Kommunikationsprobleme unbedingt zu berücksichtigen.

Wissenschaftliche Beobachtungen erfolgen absichtsvoll: Sie setzen immer ein Ziel und einen Zweck voraus und stellen daher ein geplantes Unternehmen dar. Dabei werden in Abhängigkeit von der Forschungsfrage bestimmte, vorher ausgewählte Aspekte des Wahrnehmungsfeldes genauer untersucht, andere vernachlässigt. Beobachtungen sind immer auf die Auswertbarkeit der Ergebnisse ausgerichtet. Das Wahrgenommene muss daher auf ein System von Zeichen, die vereinbarte Bedeutungen tragen, „abgebildet“ werden. Die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Beobachtung sollten möglichst objektiv und idealerweise replizierbar sein, was sich für viele Beobachtungskontexte leider oft nicht realisieren lässt.

3. Abgrenzung gegenüber anderen wissenschaftlichen Erhebungsmethoden

Besonders im Vergleich zur Methode der Messung lassen sich auf den ersten Blick Gemeinsamkeiten erkennen. In formaler Hinsicht handelt es sich bei beiden Verfahren um einen Abbildungsvorgang. Aber von Messung spricht man nur dann, wenn nicht nur die Abbildungsvorschrift im Vorfeld festgelegt wird, sondern auch die Interpretierbarkeit der Ergebnisse vollständig determiniert ist.

Beobachtung kann in bestimmten Fällen zwar auch als Messung angesehen werden, aber dies gilt nicht, wenn Wahrgenommenes in Alltags- und Wissenschaftssprache beschrieben wird. In diesem Fall ist die Methode der Beobachtung von formal präzise beschreibbaren Messvorschriften weit entfernt. Dies trifft auf die weitaus meisten Anwendungsgebiete der Beobachtung zu.

Im Vergleich zu vielen Interviewverfahren kann die Methode der Beobachtung weitaus weniger direktiv eingesetzt werden, insbesondere wenn der Beobachter bzw. die Beobachterin nicht an der Beobachtung teilnimmt (verdeckte Beobachtung).

Bei Experimenten stehen die Kontrolle der Untersuchungsbedingungen und deren absichtliche, systematische Manipulation zur Überprüfung von Hypothesen und Theorien im Vordergrund. Hierbei handelt es sich um ein deduktives Vorgehen. Diese Zielsetzung kann auch über die Methode der systematischen Beobachtung realisiert werden, allerdings unter weniger strengen Kontrollbedingungen.

Darüber hinaus eröffnet die Methode der Beobachtung dem Forscher/der Forscherin über eine induktive Zugangsweise die Möglichkeit, sich nichtkontrollierend, möglichst unvoreingenommen und ohne theoretische Vorannahmen auf den Forschungsgegenstand einzulassen. Dabei handelt es sich um eine heuristische Beobachtung. Sie ermöglicht die Entdeckung von Zusammenhängen und Phänomenen, die über deduktive Erhebungsverfahren wie das Experiment nicht in den Blick kommen.

4. Einsatzgebiete der Beobachtung als Methode

Die Beobachtungsmethode ist immer dann von Vorteil, wenn Forscher in einem neuen Untersuchungsgebiet erste Eindrücke und Informationen sammeln möchten. Das gilt insbesondere, wenn für die Deutung einer Handlungsweise das Ausdrucksgeschehen (z. B. Mimik und Gestik) der Zielgruppe von Bedeutung ist. Die gewonnenen Eindrücke und Informationen können dann in einem späteren Schritt zu überprüfbaren Hypothesen ausgearbeitet werden.

Ein besonderer Vorteil der Beobachtungsmethode liegt darin, die negativen Einflüsse auf die Erhebungssituation reduzieren zu können. Wird befürchtet, dass eine Befragungs-, Test- oder Laborsituation das Verhalten der Zielpersonen beeinträchtigen könnte, die Fragestellung aber Erkenntnisgewinn verspricht, dann ist die Methode der Beobachtung als die Methode der Wahl anzusehen. Dies gilt auch, wenn damit zu rechnen ist, dass verbale Selbstdarstellungen der Zielpersonen das zu erforschende Verhalten bewusst oder unbewusst verfälschen können. Diskrete Beobachtungen liefern in diesen Fällen realistischere Informationen als Erhebungsmethoden, in denen sich die Zielpersonen oder -gruppen bewusst in der Rolle einer Versuchsperson erleben.

5. Formen der Beobachtung

BeobachtungsformMerkmal
verdeckt – offen
  • Ist der Beobachter als solcher erkennbar oder nicht, verdeckt z. B. durch eine Glasscheibe (one way window)?
nicht teilnehmend – teilnehmend
(reaktiv vs. non-reaktiv)
  • Nimmt der Beobachter an den Interaktionen selbst teil oder befindet er sich außerhalb des Feldes?
  • Inwieweit wird der Beobachter zum aktiven Teil des beobachteten Feldes?
systematisch – unsystematisch
(frei, halbstandardisiert, standardisiert)
  • Erfolgt die Beobachtung systematisch mit einem standardisierten Schema oder eher unsystematisch, offen und dem spontanen Interesse des Beobachters folgend?
natürlicher vs. künstlicher Kontext
  • Erfolgt die Beobachtung in natürlicher Umgebung (Kindergarten, Krankenhaus) oder in einem spezifischen Raum (z. B. Beobachtungsraum eines psychologischen Institutes)?
Fremd- vs. Selbstbeobachtung
  • In den meisten Beobachtungsstudien werden Fremdbeobachtungen vorgenommen; Selbstbeobachtung stellt die Ausnahme dar. Sie kann als Methode zur Reflexion der eigenen Beobachterrolle dienen.

Literaturempfehlungen

Greve, W. & Wentura, D. (1997). Wissenschaftliche Beobachtung. Eine Einführung (2., korrigierte Auflage). Weinheim: Psychologie Verlags Union

Hussy, W., Schreier, M. & Echterhoff, G. (2010). Forschungsmethoden in Psychologie und Sozialwissenschaften. Berlin: Springer

Martin, E. & Wawrinowski, U. (2006). Beobachtungslehre. Theorie und Praxis reflektierter Beobachtung und Beurteilung. Weinheim: Beltz Juventa

 

 

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