Gruppendiskussion Prof. Dr. Günter Mey, Rubina Vock & Paul Sebastian Ruppel

Gruppendiskussionen werden in der qualitativen Forschung zunehmend angewandt. Vor dem Hintergrund verschiedener theoretischer Ansätze dienen Gruppendiskussionen z. B. der Erhebung von Gruppenmeinungen, Gruppendynamiken oder kollektiven Erfahrungen.

Hiervon abzugrenzen sind Fokusgruppen. Im deutschsprachigen Raum kommen diese eher zur zeitökonomischen Erhebung von Einzelmeinungen im Rahmen von leitfadengestützten Gruppeninterviews insbesondere in der Markt- und Meinungsforschung zum Einsatz. Im angloamerikanischen Sprachgebrauch wird terminologisch seltener zwischen group discussion und focus group unterschieden, wobei Letzteres sich als Begriff weitgehend etabliert hat.

1. Entstehungszusammenhang

Gruppendiskussionen wurden in Deutschland in den 1950er und 1960er Jahren insbesondere durch die Arbeiten von Pollock[1] und Mangold[2] am Frankfurter Institut für Sozialforschung prominent, fanden aber in der Forschungspraxis lange Zeit nur wenig Aufmerksamkeit. Innerhalb der qualitativen Forschung werden sie erst seit einigen Jahren intensiver genutzt und methodologisch/methodisch weiterentwickelt. Vor allem die Beiträge von Leithäuser und Volmerg[3] aus dem Umfeld der psychoanalytisch sowie von Bohnsack[4] aus der wissenssoziologisch orientierten Sozialforschung förderten die zunehmende Etablierung von Gruppendiskussionen als eigenständige Methoden. Dabei kam es auch in Abgrenzung vom Etikett einer „rein“ effizienzorientierten, zeit- und ressourcenschonenden Technik zu einer theoretischen Fundierung des Ansatzes.

2. Ziel

Gruppendiskussionen zielen auf den Austausch über ein vorgegebenes Thema. Idealtypisch kommt es zur „Selbstläufigkeit“, d. h. zu einer durch die Leitung angestoßenen und von den Teilnehmenden im Verlauf weitgehend eigenständig verfertigten Diskussion. Je nach Fragestellung und theoretischer Orientierung stehen kommunikativ geteilte und latente Sinnstrukturen im Fokus des Forschungsinteresses.

3. Gruppenzusammensetzung

Gruppendiskussionen können mit Gruppen durchgeführt werden, die hinsichtlich Alter, Status, Geschlecht, sozialen Orientierungen/Praxen und/oder Erfahrungshorizonten eher heterogen oder eher homogen sind. Die Gruppenzusammensetzung kann dabei eine real existierende Gruppe verkörpern (beispielsweise eine bestehende Gruppe von Skinheads) oder mit Blick auf die Forschungsfrage „künstlich“ arrangiert sein (z. B. verschiedene Lehrkräfte unterschiedlicher Schulen).

 

Entsprechend zeichnen sich die Gruppen durch einen unterschiedlich starken Zusammenhalt aus. Dieser ist beispielsweise bei Familien oder langjährigen „Cliquen“ häufig besonders ausgeprägt, bei einem eigens nur für die Gruppendiskussion zusammengebrachten Personenkreis dagegen, etwa Fachkräfte verschiedener Einrichtungen aus einem Stadtbezirk, üblicherweise sehr gering.

Die Angaben zur Gruppengröße variieren, gewöhnlich wird von sechs bis zehn, maximal zwölf Teilnehmenden ausgegangen. Mit der Größe der Gruppe steigt die Gefahr eines Ungleichgewichtes zwischen VielrednerInnen und SchweigerInnen oder des Entstehens von „Gesprächsinseln“ bzw. Nebengesprächen, also dem Gespräch innerhalb einer Teilgruppe oder zwischen einzelnen Personen.

4. Ablauf

Gruppendiskussionen werden in der Regel mit einem „Grundreiz“ (zuweilen wird auch von „Erzählstimulus“ gesprochen) eröffnet. Dies kann eine Themenvorgabe, eine offene Frage, ein provozierendes Statement, vorgegebenes Material (Film, Zeitungsbericht etc.) oder ein – auf widersprüchlichen Aussagen basierendes – „Dilemma“ sein. Die Besonderheit von Gruppendiskussionen ist, dass dieser Stimulus – wie alle weiteren Interventionen – immer an die Gruppe und nicht an Einzelne gerichtet ist. Insofern sollten die Teilnehmenden auch nicht direkt angesprochen, sondern die Frage immer an alle („in den Raum“) gestellt werden, selbst dann, wenn einige der Teilnehmenden schweigen. Bei Fokusgruppen hingegen kann stärker moderierend vorgegangen werden, bspw. können SchweigerInnen direkt adressiert und nach ihrer Perspektive gefragt werden. Für die Themensondierung stehen der Moderation bei Gruppendiskussionen – je nachdem inwieweit diese eher thematisch oder eher dynamisch verstanden wird – verschiedene Techniken zur Verfügung[5]. Dies sind insbesondere das Fragen nach dem „Meinungsursprung“ (d. h., ob es sich um eine Einzel- oder Gruppenmeinung handelt), die Rekapitulation (Zusammenfassung von Diskussionssträngen), das Infragestellen des Gesagten bzw. das Kontrastieren (Herausstellen verschiedener Meinungen) oder das Aufzeigen der Konsequenzen als Fortführung des Gesagten, um darüber eine weitergehende Diskursivierung anzuregen.

5. Anwendung und Herausforderungen

Für Gruppendiskussionen ergeben sich schon aufgrund der Teilnahme mehrerer Personen und auch in Abhängigkeit der Gruppengröße eine Reihe von Herausforderungen. Auch wenn es bei einer Gruppendiskussion idealtypischer Weise zu einer „Selbstläufigkeit“ der Diskussion kommen soll, bedeutet dies nicht, dass sich die Moderation einer Gruppendiskussion nur auf das Einbringen zentraler Fragen beschränkt. Für eine gute Gruppendiskussion ist auch die Moderation einer solchen von zentraler Bedeutung. So müssen ModeratorInnen beispielweise in der Lage sein, eine Gruppe von Personen zum Diskutieren anzuregen, mit Gruppendynamiken umgehen können und ein Gefühl für das richtige Timing haben (z. B. wie lange lasse ich eine Diskussion, die sich unter Umständen vom Thema entfernt, laufen; wann greife ich in die Diskussion ein).

Bei der Aufzeichnung von Gruppendiskussionen ist darauf zu achten, dass ein leistungsstarkes Aufnahmegerät genutzt wird, welches über einen Aufzeichnungsradius von 360 Grad verfügt. Auch sollten für die Aufzeichnung von Gruppendiskussionen, die sich in der Regel lebhafter gestalten als Interviews mit nur einer Person, bestimmte Vorkehrungen getroffen werden, z.B. bezüglich der Wahl des Raumes (keine großen, halligen Räume) und der Sitzordnung (keine Teilnehmenden „in zweiter Reihe“) sowie der Positionierung des Aufnahmegeräts.

Nicht zuletzt stellt die Transkription von Gruppendiskussionen erhebliche Anforderungen und ist zeitintensiver als die von Einzelinterviews. So müssen die einzelnen Redebeiträge den einzelnen Sprechenden zugeordnet werden (es empfiehlt sich, das Gespräch mit einer Vorstellungsrunde zu beginnen, die eine spätere Zuordnung bei der Transkription erleichtert; zuweilen werden auch Videoaufzeichnungen erstellt, die dies ebenfalls erlauben); auch kann es sinnvoll sein, sich überlappende Redebeiträge festzuhalten, z. B. durch die Anwendung spezieller Transkriptionssysteme.

Literatur

Zentrale Veröffentlichung

Loos, Peter & Schäffer, Burkhard (2012). Das Gruppendiskussionsverfahren. Theoretische Grundlagen und empirische Anwendung (2. Aufl.). Wiesbaden: VS.

Übersichtsdarstellungen

Przyborski, Aglaja & Riegler, Julia (2010). Gruppendiskussion und Fokusgruppe. In Günter Mey & Katja Mruck (Hrsg.), Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie (S. 436–448). Wiesbaden: VS.

Vertiefende Lektüre

Bohnsack, Ralf; Przyborski, Aglaja & Schäffer, Burkhard (Hrsg.) (2010). Das Gruppendiskussionsverfahren in der Forschungspraxis (2. Aufl.). Opladen: Verlag Barbara Budrich.

Kühn, Thomas & Koschel, Kay-Volker (2018). Einführung in die Moderation von Gruppendiskussionen. Wiesebaden: Springer VS.

Beispiele

Bohnsack, Ralf; Loos, Peter; Schäffer, Burkhard; Städtler, Klaus & Wild, Bodo (1995). Die Suche nach Gemeinsamkeit und die Gewalt der Gruppe. Hooligans, Musikgruppen und andere Jugendcliquen. Opladen: Leske + Budrich.

Henselin, Christine; Hahn, Tobias & Nolting, Katrin (2006). WerkstattBerichte. Die Fokusgruppen-Methode als Instrument in der Umwelt- und Nachhaltigkeitsforschung. Berlin: IZT.

Wolff, Stephan & Puchta, Claudia (2007). Realitäten zur Ansicht. Die Gruppendiskussion als Ort der Datenproduktion. Stuttgart: Lucius & Lucius.

[1] Pollock, Friedrich (1955). Gruppenexperiment. Ein Studienbericht. Frankfurter Beiträge zur Soziologie. Bd. 2. Frankfurt/M.: Europäische Verlagsanstalt.

[2] Mangold, Werner (1960). Gegenstand und Methode des Gruppendiskussionsverfahrens. Frankfurt/M.: Europäische Verlagsanstalt.

[3] Volmerg, Ute (1977). Kritik und Perspektiven des Gruppendiskussionsverfahrens in der Forschungspraxis. In Thomas Leithäuser, Birgit Volmerg, Gunther Salje, Ute Volmerg & Bernhard Wutka, Entwurf zu einer Empirie des Alltagsbewußtseins (S. 184–217). Frankfurt/M.: Suhrkamp.

[4] Bohnsack, Ralf (2010). Rekonstruktive Sozialforschung – Einführung in qualitative Methoden (8. Aufl.). Opladen: Verlag Barbara Budrich/UTB.

[5] Lamnek, Siegfried (2005). Gruppendiskussion. Theorie und Praxis (2., überarb. Aufl.). Weinheim: Beltz.

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