Sekundäranalyse qualitativer DatenProf. Günter Mey, Paul Sebastian Ruppel & Rubina Vock

Sekundäranalysen werden in der quantitativen Forschung seit den 1950er Jahren eingesetzt. In der qualitativen Forschung finden sie dagegen erst seit den letzten zwei Jahrzehnten erhöhte Aufmerksamkeit. Heaton [1] definiert Sekundäranalyse als eine Forschungsstrategie, die bereits existierende quantitative oder qualitative Daten nutzt, um neue Fragestellungen zu untersuchen oder vorherige Studien zu reanalysieren. Eine zentrale Voraussetzung für die Sekundäranalyse qualitativer Daten ist, dass entsprechende Daten verfügbar gemacht werden, insbesondere durch Archive, und dass alle mit dem Datenschutz verbundenen forschungsethischen Fragen eine angemessene Berücksichtigung finden.

Schema der Sekundäranalyse

1. Methodische Einordnung der Sekundäranalyse

Die Sekundäranalyse stellt keine eigene spezifische Methode oder Verfahrensweise dar, sondern definiert die Art des Datenzugangs und die Auswahl des empirischen Materials. Insofern wird der Prozess der Datenerhebung von dem der Datenauswertung entkoppelt, da Datenmaterial in die Analyse eingeht, das in einer anderen Untersuchung bereits erhoben wurde. Das Datenmaterial kann dabei aus einer eigenen zurückliegenden Studie oder aus fremden Datenquellen stammen.

Ein frühes Beispiel ist Elders Studie „Children of the Great Depression“ [2], bei der die Daten der „Oakland Growth Study“ genutzt wurden, einer Langzeitstudie mit einer Stichprobe der Geburtsjahrgänge 1920–1921, um u. a. die Folgen der Weltwirtschaftskrise auf die adoleszente Entwicklung zu rekonstruieren. Dabei bezog Elder unterschiedliche vorliegende Datenarten ein, wie z. B. umfangreiche unstrukturierte und strukturierte Interviews. Im Gegensatz zur Konzeption der Primärstudie, die auf entwicklungspsychologische Aspekte abhob, richtete Elder den Fokus auf den spezifischen historischen Kontext.

Welche Fragestellung an das Material herangetragen oder anhand welcher Auswertungsstrategie es analysiert wird, ist mit der Entscheidung für eine Sekundäranalyse noch nicht bestimmt. Dies wird in dem jeweiligen Forschungskontext festgelegt, in dem die Sekundäranalyse erfolgt. Abzugrenzen ist die qualitative Sekundäranalyse, bei der nur auf Daten zurückgegriffen wird, die zu Forschungszwecken erhoben wurden (z. B. Interviews, Protokolle teilnehmender Beobachtungen), von anderen Verfahren, wie z. B. der Dokumentenanalyse, bei der bereits vorliegende, „natürliche“ Daten (z. B. Akten, Fotos) analysiert werden.

2. Formen der Sekundäranalyse

Unterschieden wird im Anschluss an Heaton [3] zwischen drei Varianten der Sekundäranalyse:

  • Bei der Supra- oder transzendierenden Analyse (supra analysis) erfolgt die Auswertung der Daten unter einer neuen Forschungsperspektive, d. h., es werden neue theoretische, methodologische und empirische Perspektiven entwickelt und an das Material herangetragen.
  • Die ergänzende Analyse (supplementary analysis) fokussiert bei der Auswertung vorliegender Daten auf Fragestellungen, die erst im Nachgang einer Untersuchung wissenschaftlich relevant wurden.
  • Als Reanalyse (re-analysis) wird die erneute Analyse der Daten unter der gleichen Fragestellung bezeichnet, um alternative Sichtweisen auf die bisherigen Erkenntnisse anzubieten.

Dabei können Sekundäranalysen an einem Datensatz durchgeführt oder es können Datensätze mehrerer Studien im Rahmen einer erweiterten Analyse (amplified analysis) zusammengeführt werden, um gemeinsame oder auch divergierende Themenbereiche zu untersuchen. Ferner lassen sich Sekundäranalysen mit der Erhebung neuer Daten oder der Nutzung vorliegender, bspw. nonreaktiver Daten (z. B. Akten, Fotoalben, Tagebücher) verbinden (kombinierte Analyse, sog. assorted analysis).

3. Qualitative Datenarchive

Die Nutzung von bereits in einem anderen Forschungskontext erhobenen Daten erfordert zunächst die Bereitstellung solcher Datensätze. Inzwischen gibt es einige qualitative Datenarchive. Als erstes seiner Art wurde 1994 das Qualitative Data Archival Resource Centre (Qualidata) gegründet. Es ist heute Teil des UK Data Archive, Economic and Social Data Service ESDS [4]. In Deutschland findet sich das aus dem Archiv für Lebenslaufforschung (ALLF) hervorgegangene Datenarchiv Qualiservice [5], der Projektverbund eLabour [6] oder das an der Universität Duisburg-Essen eingerichtete Datenarchiv Kindheit und Jugend im urbanen Wandel [7]. Dabei variieren nicht nur die Organisationsformen und das Themenspektrum, sondern auch die archivierten Informationen [8]. Zur Aufnahme in ein Archiv wird neben dem Datensatz üblicherweise die Bereitstellung sogenannter Metadaten gefordert, bspw. Angaben zum Forschungskontext und zur Erhebungssituation, um den situationalen und kommunikativen Kontext in die Sekundäranalyse einbeziehen zu können [9].

4. Forschungsethische Prinzipien für Sekundäranalysen

Sekundäranalysen unterliegen den gleichen forschungsethischen Prinzipien wie Primäranalysen. Die Teilnahme am Forschungsprojekt erfolgt freiwillig und die Forschungspartner*innen sind über den Zweck der Forschung, die Vorgehensweise und die Art der Nutzung ihrer Daten aufzuklären (informierte Einwilligung) [10, 11]. Um die Daten für eine Sekundäranalyse nutzen zu können, müssen i. d. R. die Studienteilnehmenden auch der Archivierung und der erneuten Analyse der Primärdaten zugestimmt haben.

Generell unterliegt Forschung datenschutzrechtlichen Bestimmungen. Entsprechend sind die Daten zu anonymisieren. Dies gilt sowohl für Primär- als auch für Sekundäranalysen und kann sich gerade im Rahmen qualitativer Forschung als besonders herausfordernd darstellen, da diese in der Regel persönliche, subjektbezogene Daten fokussiert (bspw. Lebensgeschichten). Nicht zuletzt die hohe Informationsdichte qualitativer Daten erfordert einen sorgsamen Umgang. Die Datensätze müssen somit den Richtlinien gemäß bearbeitet sein, was ggf. aufgrund der Löschung oder Abänderung von Informationen die Nachnutzbarkeit erschwert.

Auch für die zukünftigen Datennutzer*innen gelten datenschutzrechtliche Bestimmungen, zu deren Einhaltung sie sich vor Verwendung der Daten schriftlich verpflichten müssen (z. B. sie nicht an Dritte weiterzugeben).

5. Vorzüge und Herausforderungen von Sekundäranalysen

In der qualitativen Forschung finden sich zunehmend Forderungen nach und Bemühungen um eine Verfügbarmachung von Primärdaten (Open Data) zum Zwecke der Sekundäranalyse. Auch Forschungsfördereinrichtungen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) verlangen dies vermehrt.

Als Vorzug von Sekundäranalysen gilt u. a. der Zugang zu Daten sonst schwer erreichbarer oder vulnerabler Personengruppen, wie bspw. Inhaftierter oder Traumatisierter.

Aber auch in allen anderen Forschungsfeldern kann sich die Sekundäranalyse empfehlen, denn qualitative Primärdaten beinhalten in der Regel eine Vielfalt an Informationen zu einem breiten Spektrum an Themenbereichen, die weiter gehende Analysen erlauben und neue Einsichten versprechen.

Schließlich ist die forschungsökonomische Effizienz anzuführen, denn der Rückgriff auf bereits vorhandene Daten kann aufwendige, neue Erhebungen in Gänze oder Teilen entbehrlich machen und so den Forschungsprozess „verschlanken“.

Ein zentraler Kritikpunkt an Sekundäranalysen betrifft die Loslösung der Datenerhebung vom weiteren Forschungsprozess und die damit einhergehende Dekontextualisierung. Da bei der qualitativen Forschung die Primärdaten in einem kommunikativen Prozess erhoben werden und die Ergebnisse immer auch kontextabhängig sind, ist es erforderlich, Rahmenformationen bei der Analyse und Beurteilung des Forschungsprozesses zu berücksichtigen. Insofern empfiehlt es sich, neben den Primärdaten im engeren Sinne (z. B. den vollständigen Interviewtranskripten) auch weiter gehende (Primär )Datenquellen (z. B. Postskripte zu Interviews) ebenso wie Erhebungsinstrumente (z. B. Interviewleitfäden) in die Analyse einzubeziehen. Dies erlaubt es, den situationalen Kontext der Erhebungssituation besser einzuschätzen.

Auch wenn Sekundäranalysen vorrangig in größeren Forschungsprojekten umgesetzt werden, sind sie gerade auch für kleinere Studien von Studierenden oder im Rahmen einer Qualifikationsarbeit sinnvoll einzusetzen. Ebenso bietet es sich an, Sekundäranalysen in (forschungsorientierte) Lehr-Lernformate zu integrieren, um Forschungsprozesse und Interpretationszusammenhänge anschaulich zu machen. [12]

Literatur

Zentrale Veröffentlichungen

Heaton, Janet (2004). Reworking Qualitative Data. London: Sage.

Medjedović, Irena (2014). Qualitative Sekundäranalyse. Zum Potenzial einer neuen Forschungsstrategie in der empirischen Sozialforschung. Wiesbaden: Springer VS.

Übersichtsdarstellungen

Medjedović, Irena (2017). Qualitative Sekundäranalyse in der Psychologie. In Günter Mey & Katja Mruck (Hrsg.), Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie, Heidelberg: Springer Reference Psychologie. DOI: https://doi.org/10.1007/978-3-658-18387-5_20-1.

Rosenbohm, Sophie; Gebel, Tobias & Hense, Andrea (2015). Potenziale und Voraussetzungen für die Sekundäranalyse qualitativer Interviewdaten in der Organisationsforschung. SFB 882 Working Paper Series, No. 43.

Vertiefende Lektüre

Medjedović, Irena & Witzel, Andreas (2010). Wiederverwendung qualitativer Daten. Archivierung und Sekundärnutzung qualitativer Interviewtranskripte. Wiesbaden: VS.

Witzel, Andreas; Medjedović, Irena & Kretzer, Susanne (2008). Sekundäranalyse qualitativer Daten. Zum gegenwärtigen Stand einer neuen Forschungsstrategie. Historical Social Research 33(3), 10–32, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-191424.

Beispiele

Gläser, Jochen & Laudel, Grit (2001). Re-Analyse als Vergleich von Konstruktionsleistungen. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 1(3), Art. 25, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0003257.

Kühn, Thomas (2006). Soziale Netzwerke im Fokus von qualitativen Sekundäranalysen – Am Beispiel einer Studie zur Biografiegestaltung junger Erwachsener. In Betina Hollstein & Florian Strauss (Hrsg.), Qualitative Netzwerkanalyse. Konzepte – Methoden –Anwendungen (S. 391–415). Wiesbaden: VS.

Weitere Informationen zum SFB 186 „Statuspassagen und Risikolagen im Lebenslauf“ unter http://www.sfb186.uni-bremen.de.

Halbmayr, Brigitte (2008). Sekundäranalyse qualitativer Daten aus lebensgeschichtlichen Interviews. BIOS – Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen 21(2), 256–267, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-270270.

Weitere Informationen zum „Mauthausen Survivors Research Project“ (MSRP) unter https://msrp.univie.ac.at.

[1] Heaton, Janet (2004). Reworking Qualitative Data. London: Sage.

[2] Elder, Glen H., Jr. (1974). Children of the great depression. Social change in life experience. Chicago: University of Chicago Press.

[3] Heaton, Janet (2008). Secondary Analysis of Qualitative Data. An Overview. Historical Social Research, 33(3), 33–45, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-191439.

[4] Datenservicezentrum UK Data Service, https://www.ukdataservice.ac.uk.

[5] Datenservicezentrum Qualiservice, http://www.qualiservice.org (im Aufbau, die Daten aus dem Archiv für Lebenslaufforschung [ALLF] können bereits während der Aufbauphase genutzt werden).

[6] Kompetenzzentrum eLabour, http://elabour.de/ueber-elabour/.

[7] Datenarchiv Kindheit und Jugend im urbanen Wandel, https://www.uni-due.de/izfb/datenarchiv.php.

[8] Corti, Louise; Kluge, Susann; Mruck, Katja & Opitz, Diane (Hrsg.) (2000). Text. Archiv. Re-Analyse. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 1(2), http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/issue/view/27.

[9] Corti, Louise; Witzel, Andreas & Bishop, Libby (Hrsg.) (2005). Sekundäranalyse qualitativer Daten. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 6(1), http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/issue/view/13.

[10] von Unger, Hella; Narimani, Petra & M’Bayo, Rosaline (Hrsg.) (2014). Forschungsethik in der qualitativen Forschung: Reflexivität, Perspektiven, Positionen. Wiesbaden: Springer VS.

[11] Symposium „Forschungsethik“ auf dem Berliner Methodentreffen 2014 (Video), mit Beiträgen von Nicole Burzan, Hubert Knoblauch, Günter Mey und Hella von Unger, http://www.qualitative-forschung.de/methodentreffen/archiv/video/symposium_2014/.

[12] Stiefel, Britta (2007). Der Einsatz archivierter Forschungsdaten in der qualitativen Methodenausbildung – Konzept und Evaluation eines Pilotmodells für forschungsnahes Lernen. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 8(3), Art. 15, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs070315.

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