Effektiver Schreiben im StudiumChristian Damm

Das Schreiben von wissenschaftlichen Haus- und Abschlussarbeiten ist eine zentrale Herausforderung im Studium. Und für viele ist sie neu. Muss die Haus- oder Abschlussarbeit dann noch unter Zeitdruck geschrieben werden, hat man die wichtigsten Zutaten für eine handfeste Überforderung beisammen.

Dieser Text vermittelt Ihnen, wie jede und jeder selbst mithilfe einiger Überlegungen den Grundstein für erfolgreiches Schreiben legen kann. Sie lernen, sich selbst als Schreibtyp zu reflektieren und damit einhergehend funktionierende von nicht funktionierenden Tipps und Ratschlägen zu unterscheiden.

Statt fremde Strategien nachzuahmen, sind Sie fortan besser in der Lage, Ihr Schreiben zu steuern und selbst zu entscheiden, was zu Ihrem Schreiben passt und was nicht. Dadurch erlangen Sie Sicherheit im Schreiben und können zukünftigen Herausforderungen beim Schreiben wissenschaftlicher Texte gezielter begegnen.

Gibt es ein Patentrezept?

„Wie gehe ich am besten vor, wenn ich einen Text schreiben muss?“ Die Suche nach einem Patentrezept für Schreiben beschäftigt viele Forscher und Studierende. Das Ergebnis ist, dass, so wie es unterschiedliche Typen von Menschen gibt, es auch unterschiedliche Schreibtypen gibt, beispielsweise den Drauflosschreiber oder den Mehrversionsschreiber. Hat man erst einmal für sich erkannt, welchem Typ das eigene Schreiben am ehesten entspricht, ist es viel leichter, die für einen selbst passenden Tipps und Strategien auszuwählen.

Was bedeutet das aber nun für das Schreiben von Hausarbeiten? Keineswegs soll hier die Behauptung aufgestellt werden, alle auf dem Markt verfügbaren Schreibratgeber seien nutzlos.Im Gegenteil: Für den passenden Schreibtyp sind sie eine gute Arbeitshilfe. Nur passen eben nicht alle Schreibtypen zu jedem Ratgeber und dieser funktioniert daher eben nicht immer und für alle, die einen Text schreiben müssen.

Um beim Schreiben von Haus- und Abschlussarbeiten nicht dadurch wertvolle und knappe Zeit zu vergeuden, dass man gleichsam auf gut Glück und in der Hoffnung einen Schreibratgeber zur Hand nimmt, er möge dem eigenen Schreibtyp entsprechen, sind zwei Dinge empfehlenswert:

Wenn Sie in nächster Zeit eine Hausarbeit schreiben müssen, nehmen Sie sich kurz Zeit, um für sich zu klären welchem Schreibtyp die bevorzugen. Dadurch können Sie vermeiden, Wege nachzuahmen, die andere empfehlen, die ihnen aber nicht entsprechen und daher scheitern werden.

Schreibtypen und warum es hilft, seinen Typ zu kennen!

Unter Schreibtypen können idealtypische Personen- oder Prozessbeschreibungen verstanden werden, die skizzenhaft aufzeigen, wie Schreibende eines bestimmten Typs beim Schreiben vorgehen. Schreibtypen gibt es – vereinfacht gesagt – so viele wie Schreibende. Zudem sind Schreibtypen nichts ein für allemal Feststehendes, sondern können sich durchaus hin und wieder verändern, z. B. mit zunehmender Schreiberfahrung oder wechselnden Textgattungen. Mit dem Thema Schreibtypen haben sich viele Schreibforscher und -didaktiker[1, 2, 3, 4, 5] eingehend beschäftigt. Frank, Haacke und Lahm unterscheiden zwei Extreme:

  • zum einen den frei oder gar wie wild drauflos schreibenden Bottom-up-Schreiber, der seinen Text erst nach diesem Drauflos-Schreiben strukturiert und plant;
  • zum anderen den planerisch-strukturiert vorgehenden Top-down-Schreiber, der seinen Text erst im Kopf durchplant und ihn dann aufschreibt.

Zwischen diesen beiden Extremen – die in natura in dieser Reinform recht selten vorkommen – gibt es zig denkbare Mischformen. Zu diesem Schluss kommt u. a. Ortner[1], der in seiner umfassenden Arbeit mehrere Dutzend professionelle Autoren und deren Schreiben untersucht hat. Keiner von ihnen geht übrigens beim Schreiben so geplant und linear vor, wie es die Mehrzahl der aktuell verfügbaren Schreibratgeber für Studierende empfehlen.

Für das Schreiben eines guten Textes / einer guten Hausarbeit ist es gar nicht notwendig, seinem eigenen Schreibtyp bis ins kleinste Detail auf die Spur zu kommen. Es reicht aus, sich einmal grundlegend und fortan immer einmal wieder mit dem Thema Schreibtypen zu beschäftigen und sich beim Schreiben selbst zu beobachten – insbesondere in den Fällen, in denen es gut läuft, denn hier macht man augenscheinlich etwas richtig. Wer seinen eigenen inneren Schreiber so peu à peu besser kennen lernt, vergrößert sein Repertoire an Möglichkeiten, das eigene Arbeiten und Schreiben gezielt zu steuern.

Um ein grundlegendes Gefühl dafür zu bekommen, welcher Typ der eigene innere Schreiber ist und welches Vorgehen für einen selbst hilfreich sein könnte, ist es empfehlenswert, sich zuerst einmal an den folgenden vier – von Scheuermann[5] skizzierten – Schreibtypen zu orientieren, wobei es zu bedenken gilt, dass es sich hierbei um Idealtypen handelt. Wer sich selbst vielleicht mehreren Typen zuordnet, tut gut daran, an dieser Selbsteinschätzung festzuhalten, weil es schlicht und einfach unzählige Mischformen gibt. Für eine grundlegende Orientierung und Reflexion des eigenen Schreibens sind sie dennoch sehr nützlich:

Der Planer

Bevor der Planer seinen Text schreibt, plant er Thema und Text erst einmal gründlich im Kopf durch. Vor dem Schreiben des Textes erstellt er eine möglichst ausführliche Gliederung der Haupt- und Unterkapitel. Zusammenfassungen von Texten anderer Autoren, deren Erkenntnisse in der Arbeit Berücksichtigung finden sollen, ordnet er vor dem Schreiben den einzelnen Kapiteln zu. Oft kommt es vor, dass er Gedanken erst im Kopf ausformuliert. Das Schreiben ist dann mehr ein Auf- bzw. Niederschreiben des zuvor im Kopf geplanten Textes. Hierbei geht der Planer Schritt für Schritt bzw. Kapitel für Kapitel vor. Das Gefühl, alles schon gründlich durchdacht zu haben und zu wissen, worauf er beim Schreiben hinaus will, gibt ihm ein Gefühl von Sicherheit. Problematisch kann es werden, wenn noch keine zündenden Ideen da sind. Hier bedarf es dann oft freierer, weniger strukturierter Strategien, um zu einer guten Idee zu kommen. Nicht zu verwechseln sind der Planer und der Aufschieber, der statt mit dem Schreiben zu beginnen, immer wieder To-do-Listen macht, um nicht anfangen zu müssen.

Der Drauflosschreiber

(auch: Aus-dem-Bauch-heraus-Schreiber): Der Drauflosschreiber schreibt, wie der Name vermuten lässt, einfach drauf los. Detaillierte Pläne und vorab erstelle Gliederungen engen ihn nur ein. Ohne groß auf die Struktur zu achten, stürzt er sich ins Schreiben und folgt dabei seinen Gedanken. Oft kommen ihm beim Schreiben neue Ideen, die er vorher noch nicht hatte und manchmal kommt er vom Thema ab. Wenn es gut läuft, schreibt er sich in einen Flow, einen Zustand höchster Konzentration und Entspannung zugleich, in dem er alles um sich herum vergisst. Schreiben und Denken verlaufen beim Drauflosschreiber fast synchron und er produziert schnell viel Text. Was am Ende dabei herauskommt, kann und möchte er zu dem Zeitpunkt, an dem er zu schreiben beginnt, noch gar nicht absehen. Genau genommen denkt er seine Ideen schreibend zu Ende. Erst im zweiten Schritt, wenn der Schreibflow so langsam abflacht, macht er sich daran, aus seinen Texten verschriftlichte Ideen zu entnehmen und ein strukturiertes Ganzes zu erstellen, wobei er einige der Einfälle, die er niedergeschrieben hat, nicht für die endgültige Arbeit brauchen kann, weil sie z. B. zu stark vom Thema abschweifen. Aus Sicht von stark strukturiert vorgehenden Schreibtypen mutet das Vorgehen chaotisch an. Es ist aber ebenso erfolgreich wie das planerische Schreiben für den Planer. Nur wenn er beim Schreiben zu oft auf Abwege gerät, hilft ihm ein stärker planendes Vorgehen.

Der (Mehr-)Versionenschreiber

Auch der Versionenschreiber – auch Mehrversionenschreiber genannt – schreibt drauflos. Er weiß, dass die Endversion seines Textes relativ wenig mit der ersten Version zu tun hat, die er schreibt. Mehrmals schreibt er seinen Text neu oder sehr stark um und beleuchtet dabei immer mehr Aspekte des Themas, über das er schreibt. Er nähert sich sozusagen über häufiges Neu- oder Umschreiben seines Textes dem Kern des Themas und der Endversion seines Textes Schritt für Schritt an. Während Schreiben immer auch Umschreiben beinhaltet – z.B. als Umformulieren und Schritt der Textüberarbeitung – ist das Schreiben mehrerer Versionen für den Versionenschreiber eine Strategie, sich dem Kern des eigenen Themas und dem Gedanken zu nähern, den er im Text ausdrücken möchte. Anders als beim Überarbeiten von Texten, ist seine erste Version daher nicht zwangläufig eine Vorstufe zur zweiten, die nur überarbeitet werden muss. Vielmehr ist sie ein „Steinbruch, [der] die Werkstoffe für die späteren Versionen“ liefert.

Der Patchworkschreiber

Der Patchworkschreiber schreibt „sprunghaft und nach Lust und Laune“[5] an denjenigen Textteilen und Gedanken, die ihm gerade in den Sinn kommen: mal ein Stück an dem einen Kapitel, dann wieder an einem anderen. Auch kann es sein, dass er seinen Schreibfluss unterbricht, um an einem anderen Gedanken weiterzuarbeiten, der ihm gerade kommt. Kurzum: Eine Reihenfolge plant der Patchworkschreiber nicht, an vielen Stellen der Gliederung entstehen gleichzeitig Texte. Schrittweise vorzugehen demotiviert den Patchworkschreiber, lieber schreibt er an den Stellen, die ihm gerade leicht von der Hand gehen. Dadurch vermeidet er Denkblockaden. Erst in einem zweiten Schritt fügt er die entstandenen Textteile zu einer Struktur und einem Gesamttext zusammen, den er dann an den Übergängen gezielt überarbeitet. Wie das Drauflosschreiben kann auch das Patchworkschreiben auf andere Schreibtypen chaotisch wirken. Allen Vermutungen zum Trotz ist es für Schreiber dieses Typs aber ebenso erfolgreich, wie die anderen Strategien für die anderen Schreibtypen. Nicht zu verwechseln ist der Patchworkschreiber mit Schreibenden, die an vielen Stellen schreiben, um sich nicht tief in komplexe Sachverhalte einarbeiten zu müssen. Letzteres ist weniger ein Schreibtyp als vielmehr eine Vermeidungsstrategie.

Alles Schreibtyp oder was?

Alle genannten Schreibtypen sind für sich erfolgreich. Wichtig ist es, beim Schreiben Strategien anzuwenden, die zum eigenen inneren Schreiber passen. Wer seinen inneren Schreiber ein wenig kennt, kann viel besser entscheiden, welche Empfehlungen und Strategien auf dem Weg zum fertigen Text weiterhelfen und man für sich nutzen kann. Gleichwohl ist zu betonen, dass es über typenspezifische Aspekte hinaus natürlich auch Anforderungen beim Schreiben von Hausarbeiten gibt, die unabhängig vom Schreibtyp gültig sind – z. B. Kriterien von Wissenschaftlichkeit, sprachliche Anforderungen oder dass Hausarbeiten über eine zentrale Frage und einen roten Faden verfügen müssen. Diese Kriterien müssen, auch wenn sie mühsam und anstrengend zu erfüllen sind, von allen Schreibenden bewältigt werden und können nicht mit einem „passt nicht zu meinem Schreibtyp“ abgetan werden. Wie man aber zu einer guten Struktur kommt, ein Thema eingrenzt oder beim Schreiben am besten vorgeht – das lässt sich mittels Kenntnis des eigenen inneren Schreibers deutlich bewusster und gewinnbringender entscheiden als ohne dieses Wissen über sich selbst. Und die Fähigkeit, das eigene Schreiben aktiv voranzubringen und zu steuern, wird dann umso wichtiger, wenn es in Hausarbeiten darum gehen soll, nicht nur Erkenntnisse anderer Wissenschaftler zusammenzufassen und aneinanderzureihen, sondern, bestehendes Wissen zu erweitern und ein Thema unter einer eigenen Perspektive zu diskutieren – kurzum: eine eigene Stimme als Autorin und Autor wissenschaftlicher Arbeiten zu entwickeln.

Natürlich ist nicht jede der Strategien immer gleich zielführend: Wenn z. B. in kurzer Zeit ein gut strukturierter Text geschrieben werden muss, dauert das Patchworkschreiben ggf. zu lange oder führt das Drauflosschreiben nicht zügig genug zum Kern des Themas – zumindest für Schreibende mit wenig Schreibroutine. Daher ist es insbesondere für Studierende empfehlenswert, gelegentlich auch solche Strategien auszuprobieren, die ihnen zunächst widerstreben und auf den ersten Blick nicht ganz dem eigenen Schreibtyp entsprechen. Dadurch erweitert sich das eigene Handlungsrepertoire und man kann bei zukünftigen Schreibherausforderungen flexibel reagieren.

[1] Ortner, Hanspeter (2000): Schreiben und Denken, Weimar: Niemeyer.

[2] Frank, Andrea, Haacke, Stefanie und Lahm, Swantje (2013): Schlüsselkompetenzen: Schreiben in Studium und Beruf, 2. aktual. u. erw. Aufl., Stuttgart u. a.: Metzler.

[3] Girgensohn, Kathrin (2007a): Schreibstrategien beim Stationen Lernen erweitern. Arbeitsmaterial für individualisierte Lernformen in Schreibseminaren, in: Zeitschrift Schreiben 11

[4] Girgensohn, Kathrin (2007b): Neue Wege zur Schlüsselqualifikation Schreiben. Autonome Schreibgruppen an der Hochschule, Wiesbaden: Dt. Universitätsverlag.

[5] Scheuermann, Ulrike (2011): Die Schreibfitness-Mappe. 60 Checklisten, Beispiele und Übungen für alle, die beruflich schreiben, Wien: Linde.