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Das narrative Interview Prof. Dr. Günter Mey, Rubina Vock & Paul Sebastian Ruppel

Das narrative Interview ist eines der am längsten etablierten und häufig angewendeten Interviewverfahren in der qualitativen Forschung. Insbesondere zur Erhebung von Lebensgeschichten erfreut es sich großer Beliebtheit. Hierzu stellt es nicht nur einen theoretischen Rahmen bereit, sondern bietet auch forschungspraktische Vorschläge für die Durchführung solcher Interviews. Ein zentrales Interesse gilt der Herausarbeitung von Deutungsmustern und Alltagstheorien im Kontext biografischer Ereignisse und Erfahrungen.

1. Entstehungszusammenhang

Das narrative Interview wurde von Fritz Schütze Mitte der 1970er Jahre im Kontext der Erforschung kommunaler Entscheidungs- und Machtstrukturen entwickelt[1]. Erst später avancierte es zu einem der populärsten Interviewverfahren innerhalb der biografisch orientierten qualitativen Forschung, da sich mit ihm, so der Anspruch, Daten erzeugen lassen, mit denen Rückschlüsse auf (Lebens-)Ereignisse und Erfahrungen in ihren zeitlichen Zusammenhängen möglich sind[2].

Ziel und Anspruch des narrativen Interviews ist es, auf der Grundlage von (biografischen) Erzählungen das Zusammenspiel von Ereignisfolgen und Erfahrungsaufschichtungen samt den darauf bezogenen subjektiven Deutungsbemühungen zu erheben und der Analyse zuzuführen[3].

2. (Erzähl-)theoretischer Hintergrund

Das narrative Interview basiert auf der (durchaus nicht unumstrittenen) Annahme, dass Erzähl- und Erlebnisstrukturen homolog sind, d. h. sich entsprechen. Hieraus begründet sich auch der Fokus auf die sequenzielle Struktur der Lebensgeschichte, denn nach Schütze lassen sich erst vor deren Hintergrund die Deutungsmuster und Alltagstheorien der Interviewten verstehen.

Dabei wird davon ausgegangen, dass die tatsächlichen Abläufe im Leben der Betroffenen eine sequenzielle Struktur aufweisen. Diese Struktur soll im narrativen Interview aufgrund von „Zugzwängen“ des Erzählens – in Form von Detaillierung, Gestaltschließung, Relevanzsetzung und Kondensierung – sichtbar werden: Die Interviewten sind „gezwungen“, an Stellen mangelnder Plausibilität Einzelheiten zu benennen und so eine ausführliche Schilderung vorzunehmen (Detaillierung), damit das Erzählte für die Interviewenden nachvollziehbar wird.

Ebenso sind die Interviewten „gehalten“, ihre Lebensgeschichte von Beginn bis zum Ende zu erzählen, damit diese begreiflich wird (Gestaltschließung), und ihre subjektiven Sichtweisen verständlich zu machen, indem sie persönlich bedeutsame Aspekte hervorheben bzw. auf das Wesentliche verdichten (Relevanzsetzung und Kondensierung).

3. Aufbau und Ablauf

Das narrative Interview – bei dem in der Regel auf einen Leitfaden verzichtet wird – gliedert sich in drei Teile: die Eröffnungsphase, den Nachfrageteil und die Bilanzierung.

3.1 Eröffnungsphase

Am Anfang steht die autobiografisch orientierte Erzählaufforderung an die Befragten, die gesamte Lebensgeschichte bzw. die empirisch interessierenden Lebensphasen zu erzählen. Zur Illustration sei auf Harry Hermanns verwiesen, der folgendes Beispiel anführt:

„Ich möchte Sie bitten, mir zu erzählen, wie sich die Geschichte Ihres Lebens zugetragen hat. Am besten beginnen Sie mit der Geburt, mit dem kleinen Kind, das Sie einmal waren, und erzählen dann all das, was sich so nach und nach zugetragen hat, bis zum heutigen Tag. Sie können sich dabei ruhig Zeit nehmen, auch für Einzelheiten, denn für mich ist alles interessant, was Ihnen wichtig ist“ [4].

Die Erzählaufforderung mit der sich anschließenden Stegreiferzählung bildet das Herzstück des narrativen Interviews. Die Einladung, umfänglich zu erzählen, und die Tatsache, dass keine oder nur geringe Vorgaben gemacht werden, fordert die Interviewten dazu auf, sich ausführlich einer bis dahin häufig noch unbekannten Person verständlich zu machen.

Die den ersten Teil des narrativen Interviews prägende autobiografische Anfangserzählung soll von den Interviewenden nicht (etwa durch Fragen oder sonstige Äußerungen) unterbrochen, sondern ausschließlich (durch verbale und nonverbale Bekräftigung) kommunikationsunterstützend begleitet werden.

3.2 Nachfrageteil

Ist die Anfangserzählung mit einer Erzählcoda (etwa: „Das war’s“) beendet worden, beginnt der zweite Teil des narrativen Interviews, in dem Nachfragen gestellt werden können und sollen. Hierzu wird auf Aspekte eingegangen, die in der vorangegangenen Stegreiferzählung z. B. nur vage angelegt waren bzw. nur angedeutet wurden. Sie bedürfen weiterer Ausführung oder Plausibilisierung, insofern für die betreffenden Ereignisse, Erfahrungen oder Deutungen Klärungsbedarf besteht.

Auch hier ist es wichtig, dass die Nachfragen zum Erzählen auffordern. Dabei sollen die Interviewenden zunächst die letzte narrative Passage aufgreifen und einen neuen Erzählanstoß geben, indem sie, so Schützes Vorschlag, die Interviewten bitten, von einer bestimmten Stelle an noch einmal zu erzählen bzw., den Erzählfaden aufgreifend, weiter auszuführen (z. B. „Wie war das damals genau?“, „Erzählen Sie doch noch ausführlicher davon!“, „Wie ging es dann genau weiter?“).

3.3 Bilanzierung

Der dritte Teil des narrativen Interviews bietet die Möglichkeit, um verallgemeinernde Beschreibungen von biografischen Zusammenhängen zu bitten und Warum-Fragen zu stellen. Die Interviewten können hierbei in der Beantwortung argumentative, explikative und abstrahierende Dimensionen entfalten und damit ihre Lebensgeschichte bzw. sich selbst theoretisieren.

Literatur

Zentrale Veröffentlichung

Schütze, Fritz (1983). Biographieforschung und narratives Interview. Neue Praxis, 13, 283–293, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-53147.

Übersichtsdarstellungen

Mey, Günter & Mruck, Katja (2011). Qualitative Interviews. In Gabriele Naderer & Eva Balzer (Hrsg.), Qualitative Marktforschung in Theorie und Praxis. Grundlagen, Methoden und Anwendungen (2., überarbeite Auflage, S. 257–288). Wiesbaden: Gabler.

Vertiefende Lektüre

Lucius-Hoene, Gabriele & Deppermann, Arnulf (2004). Rekonstruktion narrativer Identität. Ein Arbeitsbuch zur Analyse narrativer Interviews (2. Auflage).

Wiesbaden: VS. Mey, Günter (2000). Erzählungen in qualitativen Interviews: Konzepte, Probleme, soziale Konstruktionen. Sozialer Sinn. Zeitschrift für hermeneutische Sozialforschung, 1, 135–151, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-4471.

Beispiele

Riemann, Gerhard (Hrsg.) (2003). Doing Biographical Research. Forum Qualitative Forschung / Forum: Qualitative Social Research, 4 (3), http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/issue/view/17.

Rosenthal, Gabriele (1987). „… wenn alles in Scherben fällt …“. Von Leben und Sinnwelt der Kriegsgeneration. Typen biographischer Wandlungen. Opladen: Leske + Budrich.

[1] Schütze, Fritz (1977). Die Technik des narrativen Interviews in Interaktionsfeldstudien. Arbeitsberichte und Forschungsmaterialien Nr. 1 der Universität Bielefeld, Fakultät für Soziologie.

[2] Schütze, Fritz (1983). Biographieforschung und narratives Interview. Neue Praxis, 13, 283–293, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-53147.

[3] Schütze, Fritz (1984). Kognitive Figuren des autobiographischen Stegreiferzählens. In Martin Kohli & Günther Robert (Hrsg.), Biographie und soziale Wirklichkeit: neue Beiträge und Forschungsperspektiven (S. 78–117). Stuttgart: Melzer. http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-53097.

[4] Hermanns, Harry (1991). Narratives Interview. In Uwe Flick, Ernst von Kardorff, Heiner Keupp, Lutz von Rosenstiel & Stephan Wolff (Hrsg.), Handbuch Qualitative Sozialforschung. Grundlagen, Konzepte, Methoden und Anwendungen (S. 182–185). München: Psychologie Verlags Union.

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