Grounded-Theory-Methodologie Prof. Dr. Günter Mey, Rubina Vock & Paul Sebastian Ruppel

Ziel der Grounded-Theory-Methodologie ist die Entwicklung einer in den Daten gegründeten bzw. verankerten (grounded) Theorie mittlerer Reichweite. In einem abwechselnden und sich wiederholenden Prozess der Datenerhebung und -analyse werden sukzessive Kategorien gebildet und miteinander in Beziehung gesetzt und so letztlich zu einer Theorie verdichtet.

1. Charakteristika der Grounded-Theory-Methodologie

Die Grounded-Theory-Methodologie wurde von Glaser und Strauss zunächst gemeinsam in den 1960er Jahren erarbeitet[1], später in Abgrenzung zueinander weiterentwickelt und von „Schülerinnen“ der beiden zunehmend ausdifferenziert[2, 3]. Sie ist charakterisiert durch einen ständigen Wechsel von Feldarbeit (Datenerhebung) und Reflexion (Datenanalyse und Theoriebildung). Ihre wesentlichen Merkmale sind das Konzeptualisieren, das permanente Vergleichen, das Theoretical Sampling und das Memo Writing.

Das Konzeptualisieren

Die Grounded-Theory-Methodologie geht über die bloße Deskription hinaus und möchte die hinter den Daten liegenden Konzepte erfassen und analysieren.

Die Methode der konstanten Vergleiche

Ein zentrales Verfahren der Grounded-Theory-Methodologie ist, während des gesamten Forschungsprozesses immer wieder und auf allen Ebenen Vergleiche anzustellen: auf der Ebene der Fallauswahl, der Daten, der generierten Kodes und der daraus gebildeten Kategorien.

Das Theoretical Sampling

Die Auswahl der zu erhebenden Fälle und Materialien erfolgt in der Grounded-Theory-Methodologie sukzessive nach aus den Daten entwickelten theoretischen Gesichtspunkten.

Das Schreiben von Memos

Als zentral wird das Schreiben von Memos betrachtet. Sie dienen der Ideenentwicklung, Strukturierung, Reflexion sowie Theoriebildung und begleiten den gesamten Forschungsprozess (Planung, Erhebung, Auswertung).

Ablaufschema Grounded-Theory-Methodologie[6]
Grounded Theory Schema

2. Kodierverfahren

In der Grounded-Theory-Methodologie gibt es verschiedene Vorschläge von Kodierverfahren[4]. Im deutschsprachigen Raum weit verbreitet ist das Vorgehen nach Strauss und Corbin[5]. Hierbei lässt sich der eigentliche Analyseprozess in drei Kodierphasen gliedern: das offene, das axiale und das selektive Kodieren.

2.1 Das offene Kodieren

Begonnen wird mit dem offenen Kodieren. Dabei werden die Daten kleinteilig analysiert, indem sie in Sinneinheiten zergliedert und auf ihren konzeptuellen Gehalt hin interpretiert werden. Hierzu werden diesen Sinneinheiten Kodes zugeordnet. Ziel dieser Vorgehensweise ist es, über eine Deskription hinauszugehen und auf Konzepte (erste theoretische Abstraktionen) hinzuarbeiten. Dies geschieht u. a. durch systematisch theoriegenerierende „W-Fragen“, die an das Material herangetragen werden:

  • Was – um welches Phänomen geht es?
  • Wer – welche Akteure sind beteiligt / welche Rollen nehmen sie ein bzw. werden ihnen zugewiesen?
  • Wie – welche Aspekte des Phänomens werden behandelt (welche werden ausgespart)?
  • Wann/wie lange/wo – welche Bedeutung kommt der raum-zeitlichen Dimension zu (biografisch bzw. für eine einzelne Handlung)?
  • Warum – welche Begründungen werden gegeben/sind erschließbar?
  • Womit – welche Strategien werden angewandt?
  • Wozu – welche Konsequenzen werden antizipiert/wahrgenommen?

Die Kodes bzw. Konzepte (die Begriffsverwendung ist in der Literatur nicht immer einheitlich) werden zu Kategorien gebündelt und durch die Herausarbeitung von Eigenschaften, Dimensionen und/oder Unterkategorien weiterentwickelt.

2.2 Das axiale Kodieren

Das offene Kodieren geht über in die Phase des axialen Kodierens. Hier kann das Kodierparadigma bzw. das paradigmatische Modell dem Forschungsprozess als Orientierungshilfe dienen, um die Kategorien weiterzuentwickeln und ihre Beziehungen zueinander herausarbeiten. Unterschieden wird zwischen Kontext, ursächlichen Bedingungen, intervenierenden Bedingungen, Strategien und Konsequenzen, die mit Blick auf das Phänomen der Studie in ein relationales Gefüge gebracht werden. Die explizite Herausarbeitung von Kontext und Bedingungen ermöglicht es, Handlungen bzw. Unterlassungen, Strategien, Routinen und deren Konsequenzen in ihren jeweiligen sozial-gesellschaftlichen Rahmungen kenntlich zu machen.

2.3 Das selektive Kodieren

In der abschließenden Phase des selektiven Kodierens werden die Kategorien weiter verdichtet, durch die Herausarbeitung einer Kernkategorie in ein Kategoriennetz integriert und als gegenstandsgegründete Theorie ausformuliert.

3. Anwendung

Die Grounded-Theorie-Methodologie ist ein vergleichsweise häufig angewendetes Verfahren in der qualitativen Sozialforschung, da sie eine größtmögliche Offenheit gegenüber dem Forschungsgegenstand mit regelgeleiteter Theoriebildung verbindet. Die Erarbeitung einer Grounded Theory ist jedoch ein sehr zeitaufwendiges Unterfangen, das zudem trotz gegebener methodischer Orientierungen ein hohes Maß an Eigenstrukturierung von den Forschenden verlangt. Zudem wird die Generierung einer Grounded Theory bei weitem nicht in allen Forschungsvorhaben geleistet, die sich methodische Einzelschritte dieser Methodologie zu Nutze machen.

Literatur

Zentrale Veröffentlichung

Glaser, Barney & Strauss, Anselm (2008). Grounded Theory: Strategien qualitativer Forschung (Nachdruck der 2., korr. Auflage). Bern: Huber (Orig. 1967).

Strauss, Anselm & Corbin, Juliet (1996). Grundlagen Qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Beltz.

Übersichtsdarstellungen

Mey, Günter & Mruck, Katja (2009). Methodologie und Methodik der Grounded Theory. In Wilhelm Kempf & Marcus Kiefer (Hrsg.), Forschungsmethoden der Psychologie. Zwischen naturwissenschaftlichem Experiment und sozialwissenschaftlicher Hermeneutik. Band 3 (S. 100–152). Berlin: Regener.

Vertiefende Literatur

Breuer, Franz (unter Mitarbeit von Barbara Dieris und Antje Lettau) (2010). Reflexive Grounded Theory. Eine Einführung für die Forschungspraxis. Wiesbaden: VS.

Mey, Günter & Mruck, Katja (Hrsg.) (2011). Grounded Theory Reader (2., überarb. u. erweiterte Auflage). Wiesbaden: VS.

Beispiele

Dieris, Barbara (2006). „Och Mutter, was ist aus dir geworden?!“ Eine Grounded-Theory-Studie über die Neupositionierung in der Beziehung zwischen alternden Eltern und ihren erwachsenen, sich kümmernden Kindern [52 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 7 (3), Art. 25. http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0603253.

[1] Glaser, Barney & Strauss, Anselm (1967). The Discovery of Grounded Theory: Strategies for Qualitative Research. Chicago: Aldine

[2] Bryant, Antony & Charmaz, Kathy (Hrsg.) (2007). The Sage Handbook of Grounded Theory. London u. a.: SAGE.

[3] Mey, Günter & Mruck, Katja (Hrsg.) (2011). Grounded Theory Reader (2., überarb. u. erweiterte Auflage). Wiesbaden: VS.

[4] Mey, Günter & Mruck, Katja (2010). Grounded-Theory-Methodologie. In Günter Mey & Katja Mruck (Hrsg.), Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie (S. 614–626). Wiesbaden: VS

[5] Strauss, Anselm & Corbin, Juliet (1996). Grundlagen Qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Beltz.

[6] Mühlmeyer-Mentzel, Agnes & Schürmann, Ingeborg (2011). Softwareintegrierte Lehre der Grounded-Theory-Methodologie. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research.  http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/article/view/1654/3266#g621